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Bewährungsstrafen für ehemalige "Kameradschafts"-Mitglieder

Aachen/Wassenberg. Drei ehemalige Mitglieder und Sympathisanten der neonazistischen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) sind heute vor dem Landgericht Aachen wegen gefährlicher Körperverletzung zu unterschiedlich langen Haft- und Jugendstrafen verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass das Trio im September 2011 infolge eines Streites einen Mann in Wassenberg geschlagen und getreten hatte. Alle drei Strafen wurden unter Auflagen zur Bewährung ausgesetzt.

Angeklagt worden war ursprünglich versuchter Totschlag, doch den Vorwurf hatte die Staatsanwaltschaft nach der Beweisaufnahme als nicht erwiesen angesehen. Der Haupttäter Stefan S. wurde zu einer Haftstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt drei Jahre zur Bewährung, verurteilt. S. hatte zwar bestritten, ein Mitglied der im August 2012 verbotenen KAL gewesen zu sein, für die Ermittler hatte der Drogenkonsument dennoch der KAL angehört. S. hatte einen 47-Jährigen mit einer Flasche niedergeschlagen, bevor das Trio gemeinsam auf den am Boden liegenden Mann eingetreten hatte. 

Ein heute 18 Jahre altes, ehemaliges KAL-Mitglied, wurde zu einer neun Monate langen Jugendstrafe verurteilt, ausgesetzt 18 Monate auf Bewährung. Ein rechtsaffiner Intensivtäter, der zum Tatzeitpunkt 15 Jahre alt war, wurde zu einer Jugendstrafe von 21 Monaten verurteilt, ausgesetzt zwei Jahre zur Bewährung. Der heute 16-Jährige hatte zudem eine Sachbeschädigung begangen, die bei dem Urteilsspruch Berücksichtigung fand. Die unterschiedlich langen Strafen richteten sich zudem nach der erheblichen Vorbelastung zweier Täter. Alle drei Personen hatten die Taten weitgehend eingeräumt, sich bei dem Opfer entschuldigt und sollen heute in Aussteigerprogrammen betreut werden. 

Angeklagt waren die drei jungen Männer ursprünglich wegen versuchten Totschlages. Sie sollten laut Anklage am 28. September 2011 in der Gemeinde Wassenberg (Kreis Heinsberg) beim Anwerben neuer Mitglieder für die KAL im Umfeld eines Jugendtreffs mit einem Paar in Streit geraten sein und am Gondelweiher den zur Tatzeit 47-Jährigen schwer verletzt haben. Waren die Ermittler ursprünglich davon ausgegangen, dass der Auslöser des Streites die KAL-Anwerbeaktion gewesen war – S. hatte KAL-Aufkleber an Jugendliche verteilt und von der KAL erzählt – stellte das Gericht nun fest, dass dem nicht so war. 

Vielmehr betonte die Kammer am achten Prozesstag, dass der Beweggrund für die Tat ein Streit gewesen sei. Auslöser seien dabei beleidigende Rufe von nicht-rechten Jugendlichen gegenüber zwei Personen aus dem Alkoholiker-Milieu gewesen. Das in der Vergangenheit selbst schon polizeilich aufgefallenen Paar hatte in der Nähe der Jugendlichen gesessen. Als die Begleiterin des 47-Jährigen die Jugendlichen dann wegen der Rufe zur Rede stellte, sei auch das aggressive und beleidigende Auftreten der heute 38 Jahre alten Frau „ursächlich“ für eine weitere Eskalation gewesen, so die Kammer. 

Laut Kammer sei sie mit der Freundin von S. in ein Gerangel verwickelt gewesen und ihr Begleiter – das spätere Opfer – habe Stefan S. daran gehindert, die Frau und seine um Hilfe rufende Freundin schlichtend trennen zu können. Der damals 47 Jahre alte Mann habe S. sogar selbst attackiert und in den Weiher geschubst. Erst danach habe S. den Mann seinerseits angegriffen und mit einem Flaschen- und Fausthieb schwer verletzt. Er und die beiden Mitangeklagten hätten im Verlauf den am Boden liegenden Mann dann auch getreten, so die Kammer weiter. Somit hätten alle drei jungen Männer gemeinsam eine gefährliche Körperverletzung begangen. 

Kritik äußerte die Kammer in der Urteilsbegründung auch an Zeugen, Opfern und der Polizei. Fast alle hätten den Tatablauf anders wiedergegeben, kritisierte die Kammer, so dass fast jeder Zeuge neue Darstellungen vortrug, die nicht mit anderen Aussagen in Einklang zu bringen waren. Letztlich hätten von den rund 25 gehörten Zeugen lediglich die Aussagen „ein oder zwei glaubwürdiger Zeugen“ und die Geständnisse der drei Angeklagten zur Erhellung beitragen können, sagte der Kammervorsitzende. Überdies habe eine anfänglich fast gänzlich versäumte Polizeiarbeit dazu geführt, dass Monate später übertriebene Ermittlungen und Einordnungen der Tat stattgefunden hätten, merkte die Kammer an. (mik)