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Versuchter Totschlag: Prozess gegen Neonazis

Aachen/Wassenberg. Als am 25. September 2010 rund 165 Neonazis mit fremdenfeindlichen Parolen durch Aachen zogen und gegen den Neubau einer Moschee an der Stolberger Straße wetterten, war auch Stefan S. dabei. „Aachen bleibt unsere Stadt“ stand auf Trageschildern, S. versteckte sein Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille, mit einem Aufdruck auf seinem T-Shirt wollte er Stellung beziehen – gegen „Polizeigewalt“. Seit Freitag muss S. sich nun in Aachen als mutmaßlicher Haupttäter verantworten – wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

Der Prozess gegen insgesamt vier Personen aus der rechten Szene hat heute vor dem Landgericht Aachen begonnen. Drei Personen – zwei junge Männer und eine Frau – sollen dabei laut Anklage am 28. September 2011 in der Gemeinde Wassenberg (Kreis Heinsberg) beim Anwerben neuer Mitglieder für die „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) mit einem Paar in Streit geraten sein. Ein dem Trio politisch nahe stehender Jugendlicher soll später ebenso darin verwickelt gewesen sein. Angeklagt ist die Frau wegen Anstiftung zu den Taten sowie eines Körperverletzungsdeliktes, von ihr begangen gegenüber der Kontrahentin. Die drei männlichen Personen sollen einen zur Tatzeit 47-Jährigen durch einen Hieb mit einer Flasche, Faustschlägen, einen Stoß mit dem Knie und Tritten schwer verletzt haben. Sie müssen sich daher wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Der mutmaßliche Haupttäter Stefan S. bei einem Neonazi-Aufmarsch 2010 in Aachen. Foto: Michael Klarmann

Die Anklage richtet sich gegen vier junge Leute im Alter zwischen 16 und 27 Jahren, sie stammen aus Heinsberg und Wassenberg (Kreis Heinsberg). Zugetragen hatte sich die Tat im Umfeld eines Jugendtreffs in der Gemeinde. Laut Anklage soll das KAL-Trio gegenüber anderen Jugendlichen auch „Sieg heil“ und „Heil Hitler“ gerufen haben. Ein daraus resultierender Streit mit dem erwachsenen Paar eskalierte, weil zuerst die beiden Frauen und später der mutmaßliche Haupttäter Stefan S., der der KAL angehören soll, mit dem 47-Jährigen in Streit gerieten. Ein Gerangel zwischen den Personen geriet außer Kontrolle.

So soll laut Anklage der 24-jährige S. – er ist der Ehemann der 27-jährigen Mitangeklagten – dem 47-Jährigen eine Flasche gegen den Kopf und mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben, so dass das Opfer blutend zu Boden ging. Umstehende Jugendliche sollen dann angewiesen worden sein, den Mann „platt“ zu machen. Die beiden Neonazis und ein zuvor schon strafrechtlich aufgefallener, zur Tatzeit 15 Jahre alter Jugendlicher, sollen dann auf den Mann eingeschlagen und getreten haben. Erst als Mitarbeiter des Jugendtreffs erschienen floh das Quartett aus Angst, identifiziert zu werden.

Nach umfangreichen Ermittlungen waren die vier Angeklagten am 21. Juli 2012 in Untersuchungshaft genommen worden. Zwei der Angeklagten sitzen bis heute in U-Haft. Der jüngste, heute 16 Jahre alte mutmaßliche Mittäter ist in dem seit Freitag laufenden Prozess zudem wegen der Vorwürfe der Sachbeschädigung, des Schwarzfahrens, der Bedrohung von Jugendlichen, des unerlaubten Waffenbesitzes und der Verwendung von Naziparolen angeklagt. Auch diese Taten sollen sich in Heinsberg und Wassenberg zugetragen haben. Terminiert sind insgesamt zehn Prozesstage. Zum heutigen Prozessauftakt wurde nur die Anklage verlesen, kommende Woche wollen sich die Angeklagten äußern, mit einem Urteil wird erst im März gerechnet. Vertretern wird S. in dem Verfahren von einem Kölner Anwalt, der schon zahlreiche Rechtsradikale und Neonazis verteidigt hat.

Die KAL war am 23. August 2012 verboten worden. Aus Solidarität mit Teilen der Angeklagten besuchten fünf Neonazis aus Heinsberg, Erkelenz und Aachen den Prozessauftakt, darunter auch ehemalige KAL-Kader. (mik)