AfD und der Kulturbetrieb: Ein Mattusek sitzt in einer Klangbrücke

Aachen. Vergangenen Donnerstag gastierte die AfD zum dritten Mal binnen weniger Monate in einer städtisch verwalteten Kultureinrichtung. Erstmals kam es dabei zu Gegenprotesten. Vor der Klangbrücke am Bushof demonstrierten an unterschiedlichen Stellen rund 100 Menschen gegen den Abend der AfD mit dem umstrittenen und reaktionären Autor Matthias Matussek. Thema des Abends waren „Eingriffe“ im „kulturmarxistischen Sinne“ in die gesellschaftliche Entwicklung unter dem Schlagwort „Gender Mainstreaming“. Unter den Gegendemonstranten waren nicht nur Vertreter/innen aus Kreisen klassischer antifaschistischer Initiativen sondern ebenso Homosexuelle sowie Jugendliche von „Fridays für Future“.

Kritik wurde dabei auch an der Stadt geäußert, weil sie der rechtspopulistischen Partei den Konzertsaal zur Verfügung gestellt hatte. Allerdings nutzt die AfD diese Möglichkeit um Räumlichkeiten anzumieten, weil ihr als Partei dieses Recht zusteht. In der Vergangenheit kam es dabei dennoch zu Problemen für die Partei oder deren Organisationsteam, inwiefern dies in der Klangbrücke der Fall war, ist noch unklar. Die Lokalzeitung schrieb zu den Besucherzahlen: „Kurz nach dem offiziellen Beginn des Vortragsabends wurden in der Klangbrücke selbst allenfalls etwa 20 bis 30 Teilnehmer gesichtet.“

Leicht erhöht haben auf rund 35 Personen dürften sich die Zahl der Teilnehmenden, nachdem rund 30 Minuten später noch vier jugendliche Neonazis der verfassungsfeindlichen Partei „Die Rechte“ bzw. deren Projektgruppe „Syndikat 52“ (S52) – einer indirekten Nachfolge der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) – eintrafen. Das Quartett provozierte die Gegendemonstranten vom zuerst für sie noch geschlossenen Eingang aus, später traten zwei der Neonazis ein und führten offenbar Gespräche darüber, ob sie den Abend ebenso besuchen dürften. Kurz darauf öffnete sich die Tür und alle vier Neonazis konnten die Klangbrücke betreten. Schon bei früheren Abenden der AfD Aachen hat es ähnliche Vorkommnisse gegeben.

Abends im Museum, jedoch nicht ohne Tücken…

Zuvor hatten schon zwei AfD-Veranstaltungen in städtischen Kulturräumen stattgefunden. Anfang Dezember 2018 hatte die AfD Aachen anstatt eines „Stammtisches“ in den Räumen einer Gaststätte in Aachen-Brand einen Abend zum Thema Migrationspakt im Foyer des Centre Charlemagne abgehalten. Der Abend war von einem eigens angereisten Parteivertreter als Gastreferent geprägt, nämlich dem Bundestagsabgeordneten Martin Hebner. Er bzw. dessen Bundestagsbüro und -mitarbeiter hatten seinerzeit u.a. maßgeblich an der rechten Kampagne gegen den UN-Migrationspakt und an entsprechenden Resolutionen mitgewirkt. Das führte auch dazu, dass der Abend in Aachen mit 50 bis 60 Gästen relativ gut besucht war.

Städtische Veranstaltungsräume – wie Vortragsräume in Museen – können üblicherweise von allen Parteien gebucht werden. Eine Absage eines Mietgesuches ist im Normalfall nicht möglich – außer der Termin wäre schon belegt oder ein Raum unter falschen Angaben angemietet worden. Das Forum – der Vortragsraum im Centre Charlemagne – konnte die AfD indes für ihren Abend Anfang Dezember nicht wie zuerst anvisiert nutzen. Der Vortrag fand im Foyer des Museums unmittelbar hinter der Glasfront statt. Einige der AfD-Anhänger fühlten sich durch die neugierigen Blicke von Passanten seinerzeit sichtlich unwohl und wie auf dem Präsentierteller. In der Klangbrücke war dies am Donnerstag nicht der Fall. Interessierte hatten sich anmelden müssen und darüber hinaus war zudem ein Journalist der Tageszeitungen eingeladen worden. Am Eingang wurden darauf geachtet, dass kein Unberechtigter oder „Störer“ eintreten konnte.


Die Anmietung öffentlicher Räume in Aachen ist der AfD zwar möglich, führt zuweilen aber zu Problemen (s.o., Präsentierteller). Am 1. Dezember schon hatte im Suermondt-Ludwig-Museum ein „Bürgerdialog“ der Bundestagsfraktion stattgefunden. Vor dem Beginn hatte die Tonanlage des Vortragsraumes jedoch den Geist aufgegeben und die AfD musste kurzfristig ersatzweise eine eigene Anlage besorgen. Überraschend fiel diese infolge technischer Störungen dann nach der Hälfte des Abends auch aus. Die Musik und Gespräche von einer Party in der benachbarten Museumsbar wirkten am Ende sehr störend. Die dort feiernde Gesellschaft war zum Teil wenig erfreut gewesen, direkt neben der AfD feiern sowie sich mit den Rechtspopulisten denselben Zugang zu ihrem Fest teilen zu müssen. Im Centre Charlemagne soll sich wenige Tage später dann der hauseigene bzw. Stamm-Caterer geweigert haben, die AfD zu bewirten.

Vortragsabend oder Podiumsdiskussion?

Nahezu alle Besucher des AfD-Abends in der Klangbrücke mussten am Donnerstag an den Gegendemonstranten vorbei, gegenseitige Provokationen und Lästereien sowie Fotoshootings inbegriffen. Angekündigt für das „Sommergespräch“ zum Thema „Gender Mainstreaming“ waren der umstrittene Autor und rechte Aktivist Matthias Matussek sowie Martin Renner, Bundestagsabgeordneter und bis vor rund zwei Jahren noch Sprecher (Vorsitzender) des Landesverbandes NRW der AfD. Beide waren anwesend, machten vor dem Eingang mit im Spiel der gegenseitigen Provokationen und Wortgefechte zwischen ihrem Anhang und den Gegendemonstranten.

Matussek stellte später via Facebook Fotos und Videos online, die er selbst gemacht hat. In Begleittexten und Kommentaren lästerten er respektive seine virtuelle Gefolgschaft über die Gegner. Er selbst ist nunmehr zudem weit rechtsaußen angekommen und geriet u.a. kürzlich in die Schlagzeilen, weil auf seiner Geburtstagsparty auch Besucher vom radikalen und extrem rechten Rand waren. Matussek bezeichnete einen solchen Gast als seinen „identitären Freund“. Dessen ungeachtet war Matussek Anfang Mai Stargast bei den nicht unumstrittenen „Herzogenrather Montagsgesprächen“. Seine Ausführungen dort waren zuweilen so gewagt, dass eine Journalistin die klassischen Rolle als Berichterstatterin verließ und manche „Fake News“ gerade rückte.

Anwesend vor und in der Klangbrücke war am Donnerstag ebenso Claudia Zimmermann. Vor einigen Jahren erregte die frühere TV-Journalistin wegen dubioser Aussagen zur Arbeit beim WDR und dem Studio Aachen großes Aufsehen. Unterdessen ist sie über einen eigenen Kanal bei „You Tube“ auch bei den Verschwörungsgläubigen, Scharlatanen und Neurechten angekommen. Ob sie an besagtem Abend in der Klangbrücke nur passive Zuhörerin bzw. Berichterstatterin war oder auf dem Podium saß – wie es ein von Matussek publiziertes Foto andeutet –, ist unklar. Bislang haben offenbar weder die AfD noch die Diplom-Journalistin einen Nachbericht veröffentlicht. Und während sich für die jungen Neonazis später die Türe öffnete, blieb kritischen Beobachtern oder Gegendemonstranten der Zugang verwehrt. (mik)