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Pegida floppt in Aachen

Aachen. Bis zu 2.500 Menschen haben am Sonntag gegen einen euregionalen Aufmarsch der Pegida-Bewegung protestiert. Trotz „Staraufgebot“ und einer vielfältigen Mobilisierung fiel der groß angekündigte Brückenschlag von Pegida-Gruppen aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden in Aachen mit etwa 130 Teilnehmern sehr bescheiden aus. Erwartet hatten die Rechten immerhin bis zu 500 Menschen. 

Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz sind da. Immer wieder machen sie Erinnerungsfotos mit ihren Anhängern, lächeln und strahlen trotz des stundenlangen Nieselregens und der teils durchnässten Kleidung dabei freundlich in die Linsen der Mitstreiter. Während Bachmanns Sidekick bei Pegida-Dresden, Däbritz, sich gerne in Pose wirft, wenn Medienvertreter ihn fotografieren, erlaubt sich der Pegida-Chef selbst ein Spiel mit der „Lügenpresse“, hat die Mütze und Kapuze tief ins Gesicht gezogen und versucht, allen Objektiven der Journalisten auszuweichen, wendet sich immer und immer wieder demonstrativ ab. Es erinnert ein wenig an die Auftritte von Beate Zschäpe im NSU-Prozess: den verhassten Presseleuten zeigen, dass man sie verachtet, ihnen den Rücken zukehren. 

Größere Gruppen rechter Demostranten waren aus Belgien und den Niederlanden angereist.  Foto: Dominik Clemens

Verschiedene „Pegida“-Gruppen hatten für den dritten Adventssonntag in die Kaiserstadt mobilisiert. Angekündigt wurde der Aufmarsch als gemeinsame Aktion von „Pegida NRW“, „Pegida Flandern“, „Pegida Wallonie“ bzw. „Pegida Lüttich“ und „Pegida Niederlande“. Weitere „Pegida“-Ableger, rechtsextreme Gruppierungen und Parteien hatten zur Teilnahme aufgerufen. Doch die Polizei hatte die Kundgebung nach einigen strategischen Fehlern bei der Anmeldung von „Pegida NRW“ in Absprache mit Diendorf an den Stadtrand verlegt, vor den Tivoli. 

Der Kundgebungsplatz, abgeriegelt durch Polizeigitter, liegt an der Krefelder Straße - zu dieser Jahreszeit ein zugiger Ort. Hinzu kommt am Sonntag noch Dauernieselregen, nach 30 Minuten schon sind die Flaggen und Kleidung der „Pegida“-Anhänger klamm und feucht. Rund 500 Gegendemonstranten aus dem Antifa-Lager demonstrieren lautstark gegen den rechten Spuk. Immerhin fast 110 Minuten lang werden die Besuchergruppen aus dem benachbarten Ausland, einige „Pegida“-Anhänger und Verschwörungsgläubige aus Nordrhein-Westfalen, der aus Mönchengladbach angereiste „Pro NRW“-Vize Dominik Roeseler und einige Neonazis und rechtsextreme Hooligans aus dem Rheinland den Reden gegen den Islam, gegen Migranten, Asylsuchende, die EU und die Bundesregierung lauschen. 

Mit einer größeren Reisegruppe ist auch die rechtsextreme belgische Partei „Vlaams Belang“ erschienen. Laut der Tageszeitung „Grenzecho“ ist auch der Lütticher „Pegida“-Sprecher Lionel Baland vor Ort. Die Onlineausgabe des belgischen Rundfunks BRF meldet, „Pegida“ habe bereits mehrmals versucht, eine Demonstration in Lüttich anzumelden. Bürgermeister Willy Demeyer habe diese verboten, weil die Polizei ein negatives Sicherheitsgutachten abgegeben habe. Befürchtet habe man wegen der Nähe zu Deutschland mehrere tausend, teils gewaltbereite Demonstranten. Außerdem seien vorgesehene Redner in Lüttich „bekannte Rechtsextreme, die schon in der Vergangenheit mit volksverhetzenden Aussagen aufgefallen wären“, meldet der BRF. 

Bis zu 2000 Menschen nahmen am "Friedensfest" am Elisenbrunnen teil. Foto: Privat

Unter den Redner/innen war auch Aachens OB Marcel Philipp. Foto: Privat

Elisenbrunnen. Unter dem Motto „Harmonie statt Hass und Hetze“ findet hier die zentrale innerstädtische Kundgebung gegen den Pegida-Aufmarsch statt. Chöre und Musikvereinigungen treten auf, bis zu 2.000 Menschen besuchen dieses Friedensfest im gesamten Verlauf, schätzt das Ordnungsamt der Stadt Aachen. Oberbürgermeister Marcel Philipp sagt, bei Pegida würden statt netter Melodien die „schrägen Misstöne, die plumpen Stammtischparolen“ erklingen. Städteregionsrat Helmut Etschenberg erklärt, man wehre sich gegen diese „Fratze der rechten Gesinnung.“ 

Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt ruft dazu auf, Haltung zu zeigen – für Toleranz, Offenheit und Menschenrechte. Unabhängig von den Protesten in der Innenstadt und am Tivoli trifft gegen 14 Uhr das Friedenslicht aus Bethlehem am Hauptbahnhof ein. Rund 250 Pfadfinder nehmen es in Empfang. Thomas Schlütter, Diözesankurat und geistlicher Leiter der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg, betont dabei: „Gerade heute, wo Pegida gleichzeitig demonstriert, wollen wir natürlich Flagge zeigen und demonstrieren, dass das Licht Christi für alle Menschen leuchtet.“ 

Regen am Tivoli. „Mohammed not welcome“ steht auf einem der Transparente, ein Niederländer hält abwechselnd selbst gemalte Plakate hoch, auf denen er Allah als einen „Lügner“ bezeichnet und Mohammed als einen „Kriminellen“. Das entbehrt nicht einer gewissen Komik, immerhin kann „Stargast“ Bachmann selbst auf eine Vergangenheit als einschlägig vorbestrafter Kleinkrimineller zurückblicken. Ein Redner von „Pegida NRW“ begrüßt derweil gegen 14 Uhr die „Patrioten“ mit den Worten: „Schönen guten Abend, liebe Duisburger!“ Gelächter, Korrekturrufe unter den „Patrioten“. Redner „Alex“ wirkt kurz verlegen, entschuldigt sich dann. Weil üblicherweise „Pegida NRW“ in Duisburg protestiere, habe ihm da wohl „die Macht der Gewohnheit“ einen Bärendienst erwiesen, sagt er.

 

Kamerascheuer Lutz Bachmann, Siegfried Däbritz vom Dresdener Pegida-"Orgateam". Foto: Michael Klarmann

Angemeldet war die Aktion unter dem Motto „Konservative Protestkundgebung gegen die miserable Regierung“. Anmelder Diendorf, ein aus dem benachbarten Kreis Heinsberg stammender, im Ruhrgebiet lebender Mann, sagt indes zur Begrüßung, es finde eine Demonstration „gegen den Asylwahnsinn und die Diktatur aus Brüssel“ statt. Dass das Time-Magazine Kanzlerin Merkel zur Person des Jahres 2015 gekürt habe sei eine „Klarstellung“. Hitler und Stalin seien auch schon dergestalt gewürdigt worden und „FDJ-Merkel“ werde nun vom Time-Magazine eingereiht, „wo sie hingehöre“. Nämlich zu den Diktatoren, ruft Diendorf. Obwohl bei „Pegida NRW“ unlängst immer wieder vereinzelt antisemitische Thesen geäußert wurden, nennt der Redner die Gegendemonstranten „antisemitische Antifa-SA“. Die macht indes so viel Lärm, dass Diendorfs Provokation unerhört verpufft. 

Weitere Redner aus dem benachbarten Ausland folgen, etwa Chris Janssens aus dem Vorstand des rechtsextremen „Vlaams Belang“, angereist aus dem grenznahen Genk in Belgien. Und dann kommt der Mann, den Diendorf noch als „hohen Besuch aus Dresden“ umschwärmen wird. Bachmann tritt ans Mikro. Und angesichts der massiven Gegenproteste erklärt dieser erst einmal, Aachen sei für ihn „eine ganz andere Erfahrung als Dresden“. Und fragt sich in seiner Rede: „Was ist hier passiert?“. Westdeutschland müsse nun „aufwachen“, so Bachmann. Während alle anderen Redner die Geduld ihrer Mitstreiter mit teils ausufernden Redebeiträgen strapazieren, beschränkt sich der Star der Bewegung auf nur rund fünf Minuten Redezeit. 

Freilich ist noch ein „Promi“ anwesend. Edwin Wagensveld, genannt „Ed der Holländer“ oder „Ed Utrecht“, ein Niederländer sowie Waffen- und Militaria-Händler mit Sitz im unterfränkischen Bastheim. Der Islam, sagt Wagensveld in seiner Rede, sei eine „idiotische Ideologie, die für Krieg und Terror sorgt in der ganzen Welt“. Diese „Ideologie“ solle verschwinden, wo sie hingehöre, findet „Ed“, nämlich in den „Sandkasten“. Stoppe man den Islam nicht, so würden Frauen bald in Europa „Burka statt Tanga“ tragen.

Anmelder Diendorf beendet noch vor 16 Uhr die Kundgebung und provoziert die Gegendemonstranten abermals. Weil „der Empfang“ derselben „so schön war“, kündigt er ab Anfang Januar wöchentliche Aufmärsche in ‪Aachen an, und zwar „jeden Montag“. Das klingt wagemutig für jemanden, der Polizeikreisen zufolge noch nicht einmal zu einem „Kooperationsgespräch“ bei der Versammlungsbehörde anzureisen beliebte. Unterdessen hat „Pegida NRW“ via Facebook auch schon nachgebessert. Man komme erst Ende Januar wieder nach Aachen, heißt es dort. (mik)