Das Wutbürgertum auf „Bürgerstreife“

  • Drucken

Aachen. Im Herbst 2014 gründete sich eine „Bürgerstreife“ unter dem Namen „Projekt: Wir helfen Aachen“. Rasch meldeten sich kritische Stimmen zu Wort, die befürchteten, dass diese Gruppe ‚irgendwie rechts‘ stehen könnte. Rund sieben Monate wurde die Entwicklung der „Bürgerstreife“ durch den LAP beobachtet und vertiefend recherchiert, wurden Medienberichte ausgewertet und besonders intensiv die für angemeldete Nutzer des sozialen Netzwerkes offen einsehbaren Facebook-Debatten der „Streifen“-Gänger und deren Fans auf verschiedenen Plattformen beobachtet [1]. Klar geworden ist dabei: selbst wenn die „Bürgerstreife“ vorgibt, sie sei nicht rechts, so gehört Menschenverachtung und offener Hass in Teilbereichen dennoch dazu.

Eine kurze Vorbemerkung …

Einen Vorwurf, den man dem LAP angesichts des nachfolgenden Textes machen wird, dürfte so sicher sein wie das Amen in der Kirche: weil die „Bürgerstreife“ und Teile ihrer Anhängerschaft zu viel Kritik an Polizei und Stadtspitze geäußert habe, müsse nun die ‚Staatsantifa‘ im Namen der Dienstherren mit der ‚Nazi-Keule’ zuschlagen und das Projekt „Wir helfen Aachen“ zu Unrecht verunglimpfen. Das mag klingen wie eine Verschwörungstheorie, wird in bestimmten Kreisen jedoch ebenso geglaubt, wie die Lüge, dass die ‚Lügenpresse‘ staatlichen Direktiven folgt und nicht anderes ist als die PR-Abteilung der Bundesregierung oder anderer finsterer ‚Mächte‘.

Ebenso wie der ‚Lügenpresse‘ wird man dem LAP wohl nicht attestieren, gut beobachtet und recherchiert zu haben, sondern man wird von ‚Stasi-Methoden‘ und ‚Herumschnüffeleien‘ sprechen. Offenkundig ist demgegenüber: wer sich nach außen hin seriös präsentieren will, sich von rechten Ansichten dabei distanziert, quasi intern jedoch unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit fremdenfeindliche, zuweilen antidemokratische, menschenverachtende und wohlstandschauvinistische Ansichten vertritt oder darüber unkritisch debattiert, der muss auch damit rechnen, eine kritische und einordnende Bestandsaufnahme ertragen zu müssen. 

Geschichte und Entwicklung … 

Die „Bürgerstreife“ in Aachen gründete sich im Herbst 2014. Anlass dafür war eine Häufung von Meldungen über verschiedene, teils schwere Straf-, Straßenraub- und Gewalttaten, die sich besonders an Wochenenden und Nachts überwiegend in der Aachener Innenstadt ereignet hatten. Über das soziale Netzwerk Facebook fanden verschiedene Menschen zusammen, die sich teilweise auch zuvor schon kannten, und „etwas tun“ wollten. Sowohl ein Justizwachtmeister gehörte zu der Rumpfcrew, als auch Kampfsportler und Menschen, die im Sicherheitsgewerbe oder im Handwerk tätig waren. 

Auffällig war aber, dass auch Personen aus der Hooligan-Szene und deren Umfeld aktiv wurden, neben Menschen, die man eher als ganz normale Bürger bezeichnen würde. Es wurde sich von Rechtsextremismus distanziert, man legte wert darauf, keine „Bürgerwehr“ zu sein. Man werde Nachts in Kleingruppen durch die Stadt gehen, etwaige Straftaten umgehend der Polizei melden, Opfern beistehen oder Menschen direkt ansprechen auf Risiken oder ihr eigenes Fehlverhalten (z. B. wenn diese ihr Mobiltelefon oder ihre Geldbörse bzw. Handtasche zu auffällig oder locker tragen und damit Straßenräuber eine Tat zu sehr vereinfachen). 

Natürlich führt ein solches Handeln und Auftreten zu Diskussionen, ist aber alleine deswegen nicht zu kritisieren, sondern verdient auf den ersten Blick Lob und Anerkennung. Problematisch wird es jedoch, wenn sich im Umfeld der „Bürgerstreife“ oder vonseiten der Protagonisten unter anderem auf Facebook-Profilen oder in -Gruppen etwa fremdenfeindliche und in Ausnahmefällen sogar strafrechtlich relevante Postings gegen Polizisten, Behörden und Migranten häufen. Somit trugen die selbsternannt ‚Guten‘ auch direkt oder indirekt dazu bei, gesellschaftliche Stimmungen zu vergiften und verbale Gewalt – teilweise auch von Vertretern rechtsradikaler bis neonazistischer Gruppen oder Parteien – zuzulassen.

Problematisch dürfte es ebenso sein, wenn in der „Bürgerstreife“ Kritik geäußert wird, dass zeitweise zu wenig Polizisten auf den Straßen im Einsatz seien, sich zugleich in der Gruppe und deren engem Umfeld aber Personen beweg(t)en, die außerhalb ihres „Streifendienstes“ selbst Polizeieinsätze verursach(t)en. Etwa mittels – rechts motivierter – Hooligan-Ausschreitungen (bei denen es in seltenen Fällen auch zu verletzten Polizisten kam) oder weil sie massiv Parteiplakate beschmier(t)en respektive bedrohliche Auftritte gegenüber Politikern und Medienvertretern abliefer(te)n.

Einzelpersonen, die bei der „Bürgerstreife“ mitwirkten oder zumindest Nachts auf „Streife“ gingen, entstammten etwa der rechtslastigen Hooligan-Szene und zeigten einen Faible für die „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa). Auch wenn diese Personen teilweise im Sicherheitsgewerbe jobb(t)en, war dennoch das Verhältnis zur Polizei angespannt und teilweise kam es durch diese Personen oder deren Facebook-Freunden (nicht nur) in den sozialen Netzwerken zu Beleidigungen und Drohungen gegenüber Polizisten.

Das war auch einer der Gründe dafür, warum die Polizei(-leitung) von vornherein mit der „Bürgerstreife“ offiziell eine Kooperation ablehnte. Welcher Polizeipräsident würde sich auch mit Menschen an einen Tisch setzen wollen, die zugleich Polizisten beleidigen und verhöhnen oder bei Ausschreitungen tätlich angreifen? In mindestens einem Fall wies allerdings die Stadtverwaltung führende Vertreter der „Bürgerstreife“ auf eine Person hin, die zu einem unberechenbaren Verhalten neigte. Das ersparte der „Streife“ schon zu Beginn sehr schlechte Presse; Teile der Medien, die der „Streife“ anfangs zahlreiche und oft eher unkritische Berichte widmeten, wussten seinerzeit sehr genau, wer da bei der Streife aktiv geworden war und hätten jederzeit darüber berichten können.

Wiederbelebung und die Fremdenfeindlichkeit light

Schlechte Presse gab es dann erst kürzlich in den Lokalmedien, nachdem die „Bürgerstreife“ nach einem Rückgang von Straftaten im Spätherbst inaktiv geworden war, jedoch nach einer neuerlichen Häufung von Straftaten in den letzten Wochen wieder aktiv werden wollte. Gründungsmitglieder hätten sich wegen „gewisser Tendenzen“ abgewandt, wurde berichtet, und es gebe eine höhere Gewaltbereitschaft. Ob es hierfür auch außerhalb des Internets aktuelle Belege gab, verriet der Bericht nicht, allerdings hatte sich der Ton im Internet verschärft.

Kritiker, Lokalpolitiker und Behördenvertreter wurde ähnlich aus dem Umfeld der „Bürgerstreife“ auf eine Art und Weise beleidigt, wie es in rechtsradikalen Kreisen geschieht. Hinzu kamen moderne Spielarten der Fremdenfeindlichkeit und des Antiislamismus, eine diffuse Gemengelage und Stimmung gegen Zuwanderung. Zugleich wurde aber betont, dass man keine „Rassisten, Radikale und Nazis“ sei, aber als solches – auch in respektive von den Medien – „beschimpft“ werde, obschon die Kritiker die Protagonisten der „Streife“ gar nicht kennen würden. Teilweise ist eine solche Argumentation ein klassischer Opfermythos, der sich anhand zahlreicher Facebook-Postings jedoch widerlegen lässt.

Standrechtliches Erschießen, aber bitte ohne Gewalt …

Im Oktober schrieb die „Bürgerstreife“ noch auf ihrem offiziellen Facebook-Profil gegenüber Nutzern des sozialen Netzwerkes, die in Kommentaren zu Gewalt aufriefen, diese sollten das unterlassen, denn „sonst seid ihr nicht besser“ als die Gewalttäter, vor die man die Gesellschaft doch schützen wolle. Einer der wichtigsten Mitbegründer betonte in dem sozialen Netzwerk, er wäre nie Mitglied der „Bürgerstreife“ geworden, wenn sie auch nur „ansatzweise rechts“ sei. Er liebe seine Heimat Aachen und hier sollten auch die „verschiedensten Kulturen [friedlich] zusammenleben“ können.

Kurz zuvor hatte jedoch ein anderes hochrangiges Mitglied bei Facebook noch verlautbaren lassen, „für uns Deutsche“ sei in Deutschland nichts mehr erlaubt, man müsse in der Debatte um Asylbewerber alles „akzeptieren, ertragen und bezahlen!“ Kurz darauf postete dieses Gründungsmitglied – einer der vier führenden Köpfe – der „Bürgerstreife“ bei Facebook, viele Menschen, „meist die Alten, hungern und vegetieren dahin. […] Hier gibt es so viele meist religiöse Gruppierungen [gemeint waren Muslime; mik], die uns verfolgen und den inneren Frieden gefährden.“

Monate später schrieb dasselbe Gründungsmitglied in einer anderen Facebook-Diskussion über einen islamistischen Terroranschlag, dumme „Gutmenschen“ würden „in deutschen Patrioten“ nur „Nazis“ sehen. Zu straffälligen, kriminellen Migranten fiel derselben Person ein: „Ne ordentliche Gerade auf die Kinnlade und der Respekt kommt von alleine.“ An anderer Stelle schrieb der Mann in einem an die Nazizeit erinnernden Duktus, die „Islamisten“ würden „das Abendland zersetzen. Wann wacht Europa auf?“ In einer weiteren Diskussion hieß es von jenem Mitverantwortlichen der „Bürgerstreife“, die „Betttuchträger“ glaubten wohl schon, Deutschland gehöre „zum Islam“.

Über heimkehrende Dschihadisten, die für den Terrorstaat IS gekämpft hatten und nun von den Sicherheitsbehörden überwacht werden sollten, schrieb besagter Mitbegründer: „Auf Verrat steht die standrechtliche Erschießung! Um einiges preiswerter als zig Polizisten für dieses Dreckspack, egal ob deutsch oder anders, abzustellen. Dann erledigt sich das mit der Zuwanderung von alleine. Und an alle Gutmenschen: es ist mir scheißegal, ob ihr mich einen Nazi nennt! Dies ist mein Heimatland, meine Familie und meine Tradition [sic!]. Wer diese bekämpft, verdient keine Achtung oder Respekt!“. In einer anderen Facebook-Debatte befand der Mann, „Gutmenschen und Weltverbesserer“ sorgten dafür, dass „wir immer mehr unsere Tradition, Kultur, Rechte und zu guter Letzt noch unsere Freiheit im eigenen Land“ verlieren würden. „Alle Terroristen sollte man öffentlich erhängen!“

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Autor jener Zeilen gehört keineswegs der Hooligan-Szene an, er ist ein angesehener Handwerker, Sachverständiger, in sozialen Initiativen und im Sportbereich engagiert, sozusagen ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft und des Mittelstandes. Er gibt, ähnlich wie andere Mitglieder der „Streife“ oder Personen aus deren Umfeld an, selbst gar nichts gegen Migranten zu haben, die zu ‚uns‘ passen, sich integrieren und nicht straffällig werden.

Diese diffuse, ambivalente Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit macht es schwer, hier eindeutig zu erklären, ob und inwiefern denn nun unter den „Streifen“-Gängern oder deren virtueller Fanszene eine klassisch anzusehende Fremdenfeindlichkeit vorherrscht. Prinzipiell handelt es jedoch um eine moderne Art davon. Migranten, die zu ‚unserer Kultur‘ passen oder sich bedingungslos dieser ‚Leitkultur’ anzupassen gedenken, sind willkommen; solche, die das nicht können oder wollen – etwa, weil sie einer radikalen, ‚fremden‘ Religion angehören, dem Sozialstaat ‚auf der Tasche liegen‘, ‚uns‘ in ‚unserem Land‘ vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben oder die Straftaten begehen – lehnt man konsequent ab und fordert die Abschiebung dieses „Dreckspacks“.

Völlig egal ist es in dieser Argumentation, in wievielter Generation die Migranten schon in Deutschland leben und ob sie die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und ergo als ‚Einheimische‘ zu gelten haben. Demgegenüber geben nahezu alle Personen der „Bürgerstreife“ an, befreundet zu sein mit ‚guten‘ Migranten und behaupten deswegen wiederholt, sie könnten daher gar keine Fremdenfeinde oder Rassisten sein; zugleich werden überwiegend klischeehafte Vorbehalte gegenüber ‚schlechte‘ Migranten – Asylsuchende, „Wirtschaftsflüchtlinge“, Muslime –, die ‚uns‘ ausnutzen verbreitet oder offen gegen diese gepöbelt und gehetzt. Hinzu kommt ein zuweilen übersteigertes Nationalgefühl, Deutschtümelei und ein Wohlstandchauvinismus, der sich oft auch gegen ‚biodeutsche‘, einheimische „Asoziale“ richtet.

Erweiternd kommt eine Wut und ein Hass auf Behördenvertreter und Politiker hinzu, denen man zuweilen vorwirft, auch wegen solcher Entwicklungen im Land „Volksverräter“ zu sein und denen mindestens ein ‚starker‘ Staat entgegengesetzt werden solle, wenn nicht gar eine völkisch geprägte Diktatur. Mancher ruft gar dazu auf, sich selbst zu bewaffnen, andere merken zynisch an, es sei ‚schade‘, dass die Politiker sich selbst ‚vom Volk‘ abgeschottet hätten und ‚leider‘ nicht selbst von der als alltäglich empfundenen Straßengewalt oder etwa eines islamistischen Terrors betroffen sind.

Deutlich wird die ganze Ambivalenz der „Bürgerstreife“ sowie deren Anhänger, wenn man sich in verschiedenen lokalen Facebook-Gruppen oder -Seiten umschaut, was gerade die Fans dort posten oder kommentieren. So fielen im Umfeld jener „Bürgerstreife“ etwa Frauen auf, die sich selbst als ganz normale Bürgerinnen einstufen, die in den sozialen Netzwerken etwa Tierfotos mit Begrifflichkeit wie „süß“ und „niedlich“ kommentieren, Meldungen über ein entlaufendes oder misshandeltes Tier teilen oder als „schrecklich“ empfinden und sich sogar dagegen aussprechen, mit Giftködern gegen „hilflose Tauben“ vorzugehen, die sich in einem Hinterhof zur Plage für Anwohner entwickelt hatten. Zugleich beschrieben einige jener Frauen in anderen Facebook-Debatten „Wirtschaftsflüchtlinge“, tatverdächtige oder tatsächlich kriminelle Migranten sowie Politiker der ‚Altparteien’ als „Pack“, dem man durchaus auch Gewalt antun dürfe.

Andockstation für die organisierte rechte Szene

In verschiedenen Facebook-Diskussionen im Umfeld der „Bürgerstreife“ mischten vereinzelt auch Vertreter und Sympathisanten der rechtsradikalen Partei „Pro NRW“, der islam- und asylfeindlichen „Pegida“-Bewegung und der „Alternative für Deutschland“ (AfD) mit. Weitaus seltener traten ehemalige Mitglieder der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) oder der neonazistischen Miniaturpartei „Die Rechte“ (DR) in Erscheinung.

Offiziell lobten Vertreter von AfD und „Pro NRW“ das Engagement der „Bürgerstreife“. Ungeachtet dessen, dass die Initiative den Begriff ablehnte, lobte das Ratsmitglied Markus Mohr (AfD) die „Bürgerwehr“, die in Aachen „für Ordnung sorgt“, und machte für deren Notwendigkeit das „Totalversagen von CDU und SPD“ verantwortlich. Ratsmann Wolfgang Palm („Pro NRW“) dankte den „Frauen und Männern“ der „Bürgerstreife“, denn: „In Zeiten steigender Kriminalität, Verrohung und Verwahrlosung unserer Gesellschaft reicht es nicht, sich über ausufernde Kriminalität zu beklagen.“ Der DR-Kreisverband Aachen lobte die „Courage“ der „Bürgerstreife“ und bemängelte, dass diese „die Repression der Stadt Aachen zu spüren“ bekommen habe.

Nun kann sich gerade im Zeitalter des Internets niemand aussuchen, von welcher Seite er Beifall erhält. Auffällig ist jedoch, dass der Initiator und heimliche Kopf der von ihm selbst zu Beginn auch als „Präventionsstreife“ genannten Gruppe, auf seinem Facebook-Profil wiederholt Links zu fremdenfeindlichen, antimuslimischen Berichten gepostet hat, die auf rechtsradikalen, verschwörungstheoretischen, rassistischen und sogar neonazistischen Portalen und Blogs erschienen sind.

Bezugnahme auf neonazistische Website (Screenshot von Facebook).

Empfohlen wurden so – um nur die bekanntesten Seiten aufzuzählen – in den letzten Monaten von dem Unternehmer, der selbst im Sicherheitsgewerbe tätig ist, Berichte des Islamhassers Michael Mannheimer; des rassistischen Hetz- und Hassblogs „PI-News“; des Blogs „DortmundEcho“ der neonazistischen Partei DR; der nationalkonservativen bis völkisch-nationalen Wochenzeitung „Junge Freiheit“; der antiislamischen und asylfeindlichen „Pegida“-Bewegung; des rechtsextremen und geschichtsrevisionistischen Portals „Zuerst“; des extrem fremdenfeindlichen Hetzblogs „Netzplanet“; und des rechtsesoterischen „Kopp Verlags“, der mit ominösen Schriften über Verschwörungstheorien, der „Lügenpresse“, einer islamistischen Weltverschwörung und UFO-Sichtungen sein Geld verdient.

Zudem wurden wohlwollend Videos mit Reden eines rechtsextremen Aktivisten, zweier zuweilen antisemitisch argumentierenden Verschwörungstheoretikern sowie einer Rede des niederländischen Islamhassers Geert Wilders empfohlen. Da erschien es fast schon logisch, dass auf dem Facebook-Profil jenes „Bürgerstreifen“-Hauptverantwortlichen kurz nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich eine ernsthaft gemeinte Debatte darüber ausbrach, ob der Pilot Andreas L. zuvor nicht „Abbas Gürbüz“ geheißen habe oder L. doch ein ‚richtiger‘ Deutscher gewesen sei, der allerdings zum Islam konvertiert sei. Ergo habe ein islamistischer Terroranschlag stattgefunden, wurde in der Debatte gemutmaßt.

Rassistisch aufgeladene Verschwörungstheorie zum German Wings - Absturz (Screenshot von Facebook).

Mit Fremdenfeindlichkeit, so wollte man glauben machen, habe derlei jedoch nichts zu tun, man bewege sich ‚nur‘ im Rahmen der Meinungs- und Diskussionsfreiheit und wolle auch hinter die offiziellen Meldungen der Medien schauen, die heutzutage nicht mehr authentisch informierten sondern im Dienste der ‚Mächtigen‘ stünden und ‚Lügen‘ verbreiteten. Ähnlich wirsch ging es auch zu, als besagte Person im Oktober 2014 als Zeuge (!) wegen eines Ermittlungsverfahrens wegen des Zeigen eines Hitler-Grußes von der Polizei vorgeladen wurde.

Seinerzeit brach indes nicht auf seinem persönlichen Facebook-Profil, sondern auf der offiziellen Facebook-Seite der „Bürgerstreife“ eine kurze, wiewohl sehr heftige Debatte darüber aus, dass der Staat nun zu allen Mitteln greife, um die Männer „in die rechte Ecke [zu] stellen. […] Jetzt [müssten Politik, Behörden und Polizei wohl] Gründe finden, uns zu entfernen [sic!]“. Dass die Zeugenladung indes mit einem Ermittlungsverfahren gegen einen Gegner (!) der „Bürgerstreife“ zu tun hatte, der den „Streifen“-Gängern aus Protest (!) einen Hitler-Gruß gezeigt hatte, und der Kopf der „Streife“ nur als Zeuge (!) geladen war, dämmerte dem Sicherheitsunternehmer (!) erst, als die Diskussion schon völlig aus dem Ruder gelaufen war und rechtsaffine Fußball-Problemfans sowie Sympathisanten rechtspopulistischer und rechtsradikaler Parteien ihren Hass auf Polizei und Politik verbal im Minutentakt auslebten

Kurz, nachdem in Aachen eine Demonstration von rund 4.000 Menschen – darunter auch viele Muslime sowie Vertreter der jüdischen Gemeinde – gegen den islamistischen Terror in Paris stattfand, der Protest sich aber auch gegen Rassismus und Islamhass richtete, kommentierte besagter „Bürgerstreifler“: „Warum demonstriert das Bündnis90/Grüne/SPD/CDU für Weltoffenheit und Toleranz, nicht aber gegen die Verbrecher der IS, Boko Haram […] und nicht gegen die antisemitischen Ausfälle der Islamisten?“

Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) antwortete dem „Bürgerstreifler“ auf dessen persönlichem Facebook-Profil höchstselbst. Er, schrieb der OB dem Mann, hätte bei dieser Demonstration, wenn er dabei gewesen wäre, „erlebt, dass wir beides gleichermaßen getan haben“ – man also gegen islamistischen und rechten Extremismus gleichermaßen auf die Straße gegangen war. Was folgte, war die Häme anderer Facebook-Nutzer gegenüber dem OB und die Antwort des „Bürgerstreifen“-Mannes, er habe „nur etwas von der tollen bunten Welt gehört bisher, die sich jeder wünscht; ich habe nichts gehört davon, dass gegen die eigentlichen Verursacher ernsthaft demonstriert wurde“.

In anderen Facebook-Postings nannte der „Bürgerstreifen“-Initiator Politiker der Bündnis-Grünen „Abfall“, Bundespolitiker anderer Parteien seien „so scheiße“ oder „Schwachmaten“. Die Bundesregierung treffe „hinter unserem Rücken“ Vereinbarungen zu „unseren“ Ungunsten, etwa das „fluten“ des Landes mit Flüchtlingen. Es sei den Politikern also egal, was „mit den Ureinwohnern Deutschlands passiert“. Nach einem kritischen Medienbericht über ihn schrieb besagter Kopf der „Bürgerstreife“, er sei „nicht ansatzweise aggressiv“, sondern habe „als kleiner Mensch Propaganda-Probleme“ zu erleiden.

Wenn aus Ernst plötzlich Spaß werden soll …

Dieser Mitbegründer und aktuell wohl als Mastermind der „Bürgerstreife“ fungierende Mann hat nach verschiedenen Diskussionen auf Facebook und wiederholten Vorwürfen von seiner Meinung nach „dummen und asozialen Menschen“, dass er ein Fremdenfeind, Rassist oder „Nazi“ sei, sowohl seine als auch die Außendarstellung der „Streife“ angepasst. Das gleicht auch einer Vorgehensweise, die man beispielsweise von „Pegida“ oder dessen Kopf Lutz Bachmann her kennt. Bewahren soll einen das vermeintlich davor, als fremdenfeindlich oder rechtsextrem zu gelten.

Gepostet und kommentiert wir seit einigen Wochen oft nur noch von besagtem „Bürgerstreifen“-Kopf mit einem ironischen bis sarkastischen Unterton. Mancher menschenverachtende Inhalt klingt dann zuweilen auf den ersten Blick tatsächlich viel weniger hässlich. Bleibt der vermeintlich humoristische Touch aus, wird gerne auch in darauffolgenden Debatten behauptet, dass das Posting ironisch oder zynisch gemeint sei, was Kritiker offenbar nicht verstehen könnten. Deswegen seien diese möglicherweise eben „dumm“ und eine Debatte mit diesen sei daher auch unsinnig. Mit diesem geschickten Schachzug kann man sich freilich jeder Diskussion entziehen, kann selbst weiter auf die krudesten Verschwörungstheorien bestehen und rationale Einwände weglächeln.

Auffallend ist zudem: Immer dann, wenn die Kritik am lautesten wurde oder die „Bürgerstreife“ und Teile deren Köpfe selbst wieder – etwa durch Presseberichte – ins Licht der Öffentlichkeit rückten, begann auf manchem Facebook-Profil das große Reinemachen. Umstrittene Postings wurden gelöscht oder umetikettiert, so dass sie nur noch für (bestimmte) Nutzer einsehbar waren. Auch das ein strategisch sehr nützlicher Schachzug. Da nämlich niemand mehr die Originalbeiträge nachprüfen kann, auf die etwa Kritiker hingewiesen haben, kann einfach behauptet werden, die anderen würden schummeln, um der „Bürgerstreife“ mutwillig zu schaden.

Ob man sich nun als Fazit nach dieser Betrachtung des Gesamtbildes den Worten von Polizeipräsident Dirk Weinspach über einige der wichtigsten Protagonisten der aktuellen „Bürgerstreife“ anschließen soll? Dieser nannte deren Treiben schon im Oktober 2014 „unerträglich“ und „nicht hinnehmbar“ sowie eine „Show“ von Selbstdarstellern …  

Michael Klarmann 

[1] Zitate, die Facebook-Kommentaren oder -Diskussionen entstammen, wurden teilweise bezüglich der Interpunktion und Rechtschreibung zur besseren Lesbarkeit leicht korrigiert. Inhaltliche Änderungen fanden nicht statt. Die Recherche fußt auf rund 200 Dateien und Screenshots, die heute in Teilen nicht mehr (öffentlich) für Facebook-Nutzer einsehbar oder auffindbar sind. Teilweise wurden solche Einträge von den Verwaltern der Profile/Gruppen oder Facebook selbst später gelöscht, teilweise auch nur so bearbeitet, dass sie nur noch (bestimmte) Facebook-Nutzer einsehen können oder konnten.