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Westfront Aachen: „Mischszene“ im Grenzgebiet

Aachen/Eupen. Im Oktober 2013 geriet die „Westfront Aachen“ im Grenz- und Rheinland erstmals in die Schlagzeilen. Als in Bonn binnen weniger Tage Rocker der „Bandidos“ und „Hells Angels“ aufmarschierten, ihre Macht demonstrierten und ein Großaufgebot der Polizei Platzverweise erteilte, gab es auch einen martialischen Auftritt der „Westfront“. Deren Mitglieder waren auch in Aachen und im März 2014 im belgischen Eupen unterwegs, in ähnlichen Shirts und Jacken gekleidet, überwiegend mit rotem Aufdruck auf schwarzem Grund.

Rund 50 junge Männer liefen martialisch durch die Eupener Innenstadt und wirkten auf Passanten teils bedrohlich. Andrea Tilgenkamp, die Leiterin der Eupener Staatsanwaltschaft, sagte seinerzeit, die Gruppe habe „sich fast wie eine ganz normale Touristengruppe verhalten und beispielsweise Fotos am Rathaus gemacht.” Die Polizei beobachtete die Aktion. Aktuell bewertet die Leiterin der Behörde das Auftreten des Eupener Ablegers der „Westfront“ indes dramatischer. 

Die Gruppe von fünfzehn bis zwanzig Personen, sagte Andrea Tilgenkamp dem „Grenze-Echo“ (GE), verbreite „ein gemeinsames rechtsgerichtetes Gedankengut“. Und ergänzte gegenüber dem GE zudem: „Nach meinem Informationsstand ist die ‚Kameradschaft Alsdorf Eupen‘ (KAE) in die Westfront eingeflossen. Bei der Westfront handelt es sich [im Raum Eupen; mik] um eine Nachfolgeorganisation der KAE und der ‚Kameradschaft Aachener Land’ (KAL).“ In der KAE waren Neonazis und Hooligans aus Alsdorf und Ostbelgien organisiert, die KAL war 2012 durch den nordrhein-westfälischen Innenminister als verfassungsfeindliche Organisation verboten worden. 

Am Anfang stand der „Westwall Aachen“ … 

„Westfront Aachen“ ist eine Art Weiterentwicklung von Hooligans aus Aachen, die sich „Westwall Aachen“ (WWAC) nennen. Der Namen der Hooligan-Gruppe erinnert an den Westwall, die Verteidigungslinie im Westen Nazideutschlands, deren Bau Adolf Hitler angeordnet hatte. Der Namen soll aber dem Verständnis jener Hooligans nach „nur“ symbolisieren, dass die Gruppe bei den auf Waldlichtungen oder Wiesen ausgetragenen Schlägereien als unüberwindbar gilt. 

WWAC ist zwar nicht Teil der rechtsextremen Szene. Unter den Mitgliedern der Gruppe oder in deren Umfeld befinden oder befanden sich auch Migranten – beispielsweise nationalistisch eingestellte junge Männer mit türkischem oder griechischen Wurzeln –, teilweise aber eben auch Personen, die Jahre zuvor noch der Neonazi-Szene oder der KAL angehört haben. Überdies bestehen enge Kontakte zwischen WWAC und den teil- und zeitweise rechtslastigen „Karlsbande Ultras“ (KBU). Personen aus diesem Umfeld waren auch an gemeinsamen Übergriffen auf Antifaschisten und die antifaschistischen „Aachen Ultras“ (ACU) beteiligt. 

WWAC oder deren Mitglieder veranstalteten auch Konzerte der rechten Musikgruppe „Kategorie C“ (KC) im niederländischen Kerkrade und im belgischen Hauset, erst am Nikolaus-Abend traten KC erneut auf, diesmal im belgischen Montzen. Die Bremer Hooligan-Kultband gilt als musikalisches Bindeglied zwischen der Neonazi- und der Hooligan-Szene. In Hauset besuchten auch Neonazis das Konzert, ebenso Mitglieder der „Westfront“. Die Eupener „Westfront“-Leute gehörten zuvor teils der KAE und der Hooligan-Szene rund um AS Eupen an. So nahmen denn auch Vertreter von „Westwall“ und „Westfront“ Ende Oktober an dem Aufmarsch der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) in Köln teil, wo es zu Ausschreitungen kam. 

Mögen Hooligans auf manchen wie hirnlose und dumme Schläger wirken, so ist deren Szene deutlich heterogener, als es jenes Klischee vermittelt. Mitglieder von WWAC gehörten zu den Mitbegründern und Köpfen der „Westfront Aachen“. Es handelt sich dabei um durchtrainierte und muskelbepackte Kampfsportler, die bei Sicherheitsdiensten und in der Türsteher-Szene arbeiten. Jene Szene war in den letzten Jahren starken Umbrüchen ausgesetzt. Rocker-Gruppen versuchten im Großraum Aachen und Köln, „Türen“ zu übernehmen, es kam zu provokativen Besuchen in Diskotheken, deren „Tür“ verfeindete Gruppen „machten“. 

… bis hin zur „untrennbaren Einheit“ 

Offenbar dachten sich daher auch Hooligans aus Aachen, Kerkrade und Mönchengladbach, dass man die eigenen „Qualitäten“ als Gruppe, die anderen gegenüber Respekt einflößt, besser vermarkten kann. Das dürfte denn auch ein Grund dafür gewesen sein, im Jahre 2012 die „Westfront“ zu gründen. Man trat als „Westfront Deutschland“ auf, ein Zusammenschluss aus Hooligans, Kampfsportlern und Türstehern. Traten „Westfront Mönchengladbach“ und „Westfront Bonn“ zuletzt nicht mehr in Erscheinung, blieb die „Westfront Aachen“ konstant, es folgten zudem die „Westfront Jugend“, eine Art Supporter- und Anwärter-Gruppe „Legion WF“ und eben die „Westfront Eupen“. 

Geschätzt wird die gesamte Gruppe, die sich selbst als „untrennbare Einheit“ ansieht, auf rund 60 Personen. Sporadisch werden Feiern abgehalten, die stark am solche in Rockerclubs erinnern. Die deutsche Polizei stufte die „Westfront“ zu Beginn als eine Rocker-ähnliche Vereinigung ein, die jedoch nicht als Motorradclub auftrat. Daher nutzten die Behörden Umschreibungen wie „Straßenbande“ oder „Streetgang“. 

Der Aachener Polizeisprecher Werner Schneider umschrieb auf Anfrage gegenüber dem GE jedoch den deutschen Teil der „Westfront“ aktuell nur noch als eine reine „Hooligan-Gruppierung“. Ungewöhnlich ist indes, dass „Westfront“-Leute zeitweise Kontakte zu den „Hells Angels“ unterhielten, aber ebenso zu deren Feinden, den „Bandidos“. Nach den Machtdemonstrationen der Rocker in Bonn mutmaßte die Boulevardpresse, es drohe ein „Krieg um Bonner Edelhuren, Drogen, Türen von Großdiskotheken“. 

Als die Polizei in Aachen im Oktober 2013 einen Aufmarsch von fast 40 „Westfront“-Leuten stoppte, gaben diese gegenüber den Beamten an, in Richtung Antoniusstraße zu ziehen, also in den Rotlichtbezirk. Bis zum Verbot der Aachener „Bandidos“ gehörte die Bordellstraße zu deren Einflussgebiet. Ähnlich wie im selben Monat in Bonn wurde der Gruppe wegen des martialischen Erscheinungsbilds ein Platzverweis erteilt. 

Herkunft egal? 

Strafrechtlich aufgefallen sind Mitglieder der „Westfront“ unter anderem bei Schlägereien und Ausschreitungen rund um den Fußball. Einige haben Stadionverbot, andere fielen in den letzten Monaten bei Fußballspielen als Hooligans auf, etwa als Aachener Problemfans bei dem Spiel der Alemannia gegen die Sportfreunde Siegen Gästefans und Polizisten angriffen. Weitere Mitglieder waren in der Vergangenheit auch durch Straftaten aus dem rechtsextremen Spektrum aufgefallen. 

Ein Eupener „Westfront“-Mitglied, das der neonazistischen KAE angehörte, wurde etwa unlängst aufgrund wechselseitiger Gewalttaten zwischen ihm und weiteren Männern sowie einer Gruppe von Migranten verurteilt. Auf der eigenen Homepage versichert die „Westfront“ jedoch, völlig unpolitisch zu sein. „Politik spielt bei uns genauso wenig eine Rolle, wie die Art des Fortbewegungsmittels, die Hautfarbe oder das Alter“, heißt es dort.  

Michael Klarmann 

Anmerkung: Dieser Text ist eine teils erweiterte, teils angepasste Fassung eines Beitrags für die belgische Tageszeitung „GrenzEcho“ (GE); zitierte Behördensprecher haben sich im Rahmen der Recherche gegenüber dem GE geäußert, weswegen dies hier auch demgemäß wiedergegeben wurde.)