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Gedenken an Pogromnacht: Protest gegen rechten Treffpunkt an der Synagoge

Aachen. Mit einer Mahnwache vor der Synagoge und einer Gedenkstunde im Rathaus wurde gestern der Opfer der Pogromnacht im Jahr 1938 gedacht. Eine Rednerin der antifaschistischen Gruppe „Diskursiv Aachen“ sagte bei der Mahnwache, dass eine am Synagogenplatz gelegene Gaststätte, in der rechte Hooligans und Neonazis verkehren, auf die Opfer des Holocaust und die in Aachen lebenden Juden wie „Hohn und Spott“ wirken müsse.

Begonnen hatte das Gedenken anlässlich des 76. Jahrestages der Pogrome am Sonntagvormittag mit der Mahnwache vor der Synagoge. Daran beteiligten sich rund 80 Menschen. In verschiedenen Rede- und Musikbeiträgen wurde dabei auch ein Bogen von der Vergangenheit bis in die heutige Zeit gespannt. Vor dem Massenmord an den Juden durch die Nazis habe es mehrere Fluchtwellen jüdischer Bürger gegeben, sagte etwa Alexandra Simon-Tönges für das Organisationsbündnis der Mahnwache. Und ergänzte:

„Bereits nach der Machtergreifung 1933 verließen in einer ersten Fluchtwelle bis zu 37.000 Menschen das Deutsche Reich, es waren Politiker, Journalisten, Schriftsteller und Künstler, darunter nicht wenige Juden. Die zweite Auswanderungswelle setzte im Herbst 1935 ein. Ein Auslöser waren die ‚Nürnberger Gesetze‘ […]. Die Verfolgungsmaßnahmen gipfelten im Pogrom der ‚Reichskristallnacht‘ […]. Die Ereignisse dieser Nacht lösten eine Massenflucht aus […]. Nach Kriegsbeginn war eine Auswanderung kaum noch möglich und im Oktober 1941 wurde [sie] sogar verboten.“

Auch heute würden Menschen weltweit vor Krieg, Gewalt, Hunger, religiöser Verfolgung und Umweltkatastrophen fliehen, ergänzte Alexandra Simon-Tönges. Ralf Dallmann, Mitglied der antifaschistisch engagierten „Gruppe Z“ (Zukunft ohne Fremdenhass, Faschismus und Krieg; gegen das Vergessen) trug als Redner dazu ergänzend Forderungen von „Pro Asyl“ vor und mahnte an, dass man die „Menschenrechtsverletzungen an der EU-Außengrenzen“, an der viele Flüchtlinge sterben, stoppen müsse. Mit den Hilfesuchenden solle human umgegangen werden, anstatt sie abzuwehren. Der Umgang mit Asylbewerbern heute sei demgegenüber jedoch oft beschämend.

Rund 80 Menschen kamen zu der Mahnwache am Synagogenplatz zusammen. Foto: Michael Klarmann

Eine Rednerin der antifaschistischen Gruppe „Diskursiv Aachen“ widmete sich bei der Mahnwache der aktuellen rechtsextremen Szene und einer Gaststätte in direkter Nachbarschaft zur Synagoge. Als „Stammgäste“ verkehrten dort rechtslastige Hooligans, Problemfans und Neonazis. Von diesen würden seit Jahren an vielen Stellen in Aachen und im Umfeld von Fußballspielen Übergriffe auf Andersdenkende und Migranten ausgehen. Besucher der Gaststätte seien auch in der rechten Bewegung „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) aktiv. Bei den Partien von Alemannia Aachen sei die Kneipe auch ein Treffpunkt von Personen, gegen die Stadionverbote erteilt worden seien, so die Rednerin.

Sie erinnerte auch an die Attacken auf eine antirassistische Demonstration Ende 2013 und auf die Angriffe auf einen Antifaschisten sowie eine benachbarte Kneipe, in die sich dieser vor Monaten geflüchtet hatte. Bei solchen Übergriffen seien Nazigegner von den Hooligans als „Drecksjuden“ tituliert und der Hitler-Gruß gezeigt worden. Die Rednerin führte weiter aus:

„Für uns bedeutet die Kneipe […] Hohn und Spott für die Opfer der Shoa. Das 76 Jahre nach der Reichspogromnacht und dem unzweifelhaften Beginn der Verfolgung jüdischer Menschen sich eine Kneipe mit der Affinität für eine neonazistische Klientel in unmittelbarer Nähe der Synagoge ohne Widerstand aus Politik und Gesellschaft etablieren kann, zeigt, dass Antisemitismus längst nicht so entschlossen bekämpft wird, wie es die Geschichte von uns fordert. Wir verlangen, dass endlich politischer und gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird um die Kneipe zu schließen. Wir wollen in Aachen keinen Treffpunkt für Neonazis und rechtsoffenen Hooligans sowie Fußballfans und insbesondere nicht neben der Synagoge!“

Vereinzelt begleitete eine Handvoll Gäste der Kneipe die Mahnwache von Beginn an durch lautes Lachen oder Feixen. Ein Gast rief kurz vor Ende der Mahnwache aus dem Eingang den Teilnehmern der Gedenkfeier provokativ zu, dass Deutschland Weltmeister sei – gemeint war damit offenbar der Weltmeistertitel der Nationalelf bei der letzten Fußballweltmeisterschaft. Daraufhin beschwerten sich erstmals Teilnehmer der Mahnwache in der Gaststätte über dieses Benehmen. Polizeibeamte beruhigten die Lage schließlich und positionierten sich vor der Kneipe, um weitere Provokationen zu unterbinden.

Am Sonntagabend fand zudem eine Gedenkstunde der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit im Krönungssaal des Rathauses statt. Pfarrer Ruprecht van de Weyer, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, und Bürgermeisterin Hilde Scheidt erinnerten anlässlich des 25. Jahrestages der Maueröffnung in ihren Reden auch daran, dass man den Antisemitismus im heutigen, wiedervereinigten Deutschland entgegentreten und die Demokratie verteidigen müsse. (mik)