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Islamfeindliche PRO-paganda in Würselen

Würselen/Aachen. In Würselen haben nach Polizeiangaben am vergangenen Freitag gut 250 Menschen vor dem Rathaus gegen eine Versammlung von rund 35 Anhängern der rechtsradikalen Splitterpartei „Pro NRW“ demonstriert. Diese versammelten sich auf dem unteren Morlaixplatz um gegen den erstmals praktizierten Muezzin-Ruf in der Moschee der Türkisch-Islamischen DITIB-Gemeinde zu protestieren. Zu der Gegenveranstaltung hatte ein breites Bündnis, getragen durch alle im Rat vertretenen Parteien und Vertreter religiöser Gemeinschaften aufgerufen. Es nahmen Lokalpolitiker, Bürgermeister sowie Bundestags- und Landtagsabgeordnete aus der Region teil.

Bei diesen Protesten erinnerte einer der Redner daran, dass die islamische Gemeinde in Würselen, gegen die „Pro NRW“ demonstrierte, nach den Anschlägen am 11. September 2001 in den USA gemeinsam mit den Bürgern vor Ort ihre Trauer bekundet und mit den christlichen Kirchen zum Gebet für die Opfer aufgerufen hatte. Bürgermeister Arno Nelles sagte in seiner Rede, „Pro NRW“ behaupte auf Flugblättern, dass künftig in Würselen alle 37.000 Einwohner um ihren Mittagsschlaf gebracht würden angesichts des Muezzin-Rufes. Dies jedoch sei das völliger „Unsinn“, sagte Nelles. Offenkundig stünden die Rechten mit der Wahrheit auf Kriegsfuß. Weder sei es möglich, von der Moschee aus alle Einwohner zu beschallen, noch würden die 37.000 Menschen gemeinsam einen Mittagsschlaf verrichten, so der Bürgermeister.

„Pro NRW“ leitete die eigene Kundgebung mit Kirchengeläut vom Tonband ein. Anlässlich der Versammlung war die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort, der untere Morlaixplatz war wegen der rechtsradikalen Partei hermetisch mit Sperrgittern abgeriegelt worden. Heinz Gottland aus Aachen, Mitglied im Landesvorstand und stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Aachen der Splitterpartei, richtete seine Rede an die Vertreter der „eingeborenen deutschen Parallelgesellschaft“. Er wetterte gegen den Islam, gegen die Türkei und gegen die „Mitbürger mit islamischem Migrationshintergrund“.

Mit der Wahrheit nahmen die "Pro"-Agitatoren es in Würselen nicht besonders genau. Foto: Michael Klarmann

Es finde, ergänzte Gottland, eine „schleichende Islamisierung“ statt, Muslimen indes dürften „keine weiteren Sonderrechte“ – also auch kein Muezzin-Ruf – eingeräumt werden. Ein islamische Art der „Apartheid“ sei die Geschlechtertrennung, Frauen würden in „Stoffkäfigen gehalten“ (Burka), lästerte Gottland. Und sollten sich Muslime wegen seiner Ausführungen beleidigt und diskriminiert fühlen, so riet er diesen, sie sollten ihre „Koffer packen und zurückkehren, woher sie stammen.“ Moderiert wurde die Kundgebung von Detlev Schwarz aus Bonn, Geschäftsführer von „Pro NRW“.

Jörg Uckermann, einer von mehreren stellvertretenden Vorsitzenden von „Pro NRW“, nutzte seine Rede auch dazu, um gegen die CDU zu wettern, die einen Teil der Gegenproteste mitorganisiert hatte. Uckermann war einst selbst CDU-Mitglied, bevor er zu „Pro“ wechselte. Er beschimpfte auch die Gegendemonstranten, besonders jene von der SPD und der Linken seien „alle das gleiche Gesocks“, so der Heilpraktiker aus Köln. Offenkundig würden seine Gegner eine „unkontrollierte Masseneinwanderung“ gutheißen, fand der äußerlich braun gebrannte „Pro“-Mann, bevor dann mit Dominik Roeseler aus Mönchengladbach ein weiterer stellvertretender Vorsitzender von „Pro NRW“ ans Mikrophon trat.

Verzerrtes historisches Weltbild

Roeseler, überzeugter Anti-Linker mit deutlich verzerrtem historischen Weltbild, trat auf in einem T-Shirt mit dem Aufdruck: „Die Nazis waren Sozialisten!“ Als er zum ersten Mal gehört habe, dass nun in Würselen der Muezzin-Ruf erschalle, da sei ihm „schlecht geworden“, sagte der Facebook-Beauftragte von „Pro NRW“. Es sei ein „Unding“, dass die „CDU anfängt, den Islam hier in Deutschland einzuführen.“ Die CDU solle lieber das C und D aus dem Namen streichen, denn sie sei „weder christlich, noch deutsch“. Dass die Partei den Namen „Christlich Demokratische Union“ trägt, schien dem historisch seiner Meinung nach bewanderten, extrem aufstrebenden „Pro“-Nachwuchskader entfallen zu sein.

Plumpe Propagandatricks

Der stellvertretende Vorsitzende des „Pro“-nahen „Ringes Freiheitlicher Jugend Deutschlands“, Christopher von Mengersen, bereicherte die Kundgebung dann mit einem eher plumpen Propagandatrick. Obschon die Gegendemonstration friedlich verlief und es zu keinerlei Störungen bei der Anreise der „Pro“-Mitglieder und -Sympathisanten durch diese gekommen war, behauptete der Abiturient aus Bonn in seiner Rede, die Polizei habe sie bei der Anfahrt kontaktiert. Demnach habe der Reisetross stoppen müsse, da die Beamten erst noch eine Straße räumen müssten, die „Linksextremisten“ blockieren würden, so von Mengersen.

Dabei hatte die Polizei den kleinen „Pro“-Konvoi lediglich bei ihrer Anfahrt entgegengesetzt zur Fahrtrichtung durch eine Einbahnstraße zum Kundgebungsort geleitet. Vor Einfahrt in besagte Einbahnstraße musste der rechte Reisetross dabei allerdings noch kurz stoppen, weil die Polizei sicher stellen wollte, dass Beamte die Straße am anderen Ende für den regulären Verkehr abgesperrt hatten und dann keine anderen, die Straßenverkehrsregeln befolgenden Verkehrsteilnehmer die Anreise von „Pro“ unfreiwillig behindern konnten. Christopher von Mengersen verwandelte jene Begebenheit indes zu einer Straßenblockade von „Linksextremisten“.

Ähnliche Defizite im Bereich des Wahrheitsgehaltes zeigte „Pro NRW“ später auch im sozialen Netzwerk Facebook. Über ein Foto, auf dem unter anderem Mitglieder beziehungsweise Sympathisanten der rechtsradikalen Partei aus Aachen, Mönchengladbach, Bonn und Köln zu sehen sind, behauptete die Splitterpartei vollmundig, dass das Foto „[v]iele interessierte Bürger“ zeigen würde, die den Reden der „Pro“-Kader „lauschten“.

Angereist nach Würselen war als Redner auch Sebastian Nobile, früher Vertreter der extrem islamfeindlichen „German Defence League“ (GDL), nun aktiv in der „Pro“-Bewegung. Der Islamfeind sagte, er sei „intolerant [...] gegen den Islam, denn der Islam ist totalitär [...], faschistoid [und] menschenverachtend“. „Vorbild“ der Religion sei der Prophet Mohammed, ein „Schlächter“, Massenmörder und Vergewaltiger, tönte Nobile. Der stark gläubige Christ mit einem leichten Hang zu Verschwörungstheorien sprach zuweilen die Gegendemonstranten direkt an und leistete sich dabei den Fauxpas, diesen zuzurufen: „Glauben Sie uns nix!“ Gemeint sei damit jedoch nur die Einladung gewesen, korrigierte er sich sodann, den Islam und Koran selbst zu „untersuchen“.

Gegen „CDU, SPD, Grüne und andere Kommunisten“

Als Schlussredner fungierte bei der Kundgebung in Würselen Wolfgang Palm, Polizeihauptkommissar aus Aachen, Chef des „Pro NRW“-Kreisverbandes Aachen und ein weiterer stellvertretender Vorsitzender der Splitterpartei. Palm dankte Bürgermeister Nelles, der den Muezzin-Ruf genehmigt habe, voller Sarkasmus dafür, dass er etwas „für unsere Integration“ tue. Palm schimpfte ferner über „CDU, SPD, Grüne und andere Kommunisten“, „Pro“-Vertreter seien derweil „allesamt astreine Demokraten“. „Pro NRW“, befand Palm, stehe überdies ein für „Religionsfreiheit: selbstverständlich! Gebetshaus: gerne! Muezzin-Ruf: Nein danke!“

Jener Ruf, wetterte Palm, sei ein „Fremdkörper“, er diene dazu, dass Deutschland „akustisch [...] islamisiert“ werde und sei, weil er Allah als einzigen Gott preise, eine Herabwürdigung des christlichen Glaubens. Seine Partei und er verlangten von Muslimen und Türken die „Toleranz, uns [Deutsche] nicht über Gebühr zu belästigen“. Offenkundig stehen indes weder Palm noch „Pro NRW“ für eine ernstzunehmende Religionsfreiheit ein, zumal die Partei immer auch dann aktiv wird, wenn es darum geht, gegen Moscheebauten zu protestieren. Palm, der nun glauben machen wollte, er habe nichts gegen diese Gebetshäuser, hatte im Mai 2012 noch gegen den Neubau einer Moschee in Aachen demonstriert. Und erklärt: „Wer Moscheen säht wird Scharia ernten.“ (mik)